Von dem Contraviolonisten insbesondere


 

 

Aus

"Johann Joachim Quantzens,

Königl. Preussischen Kammermusikus,

Versuch einer Anweisung

die

Flöte traversiere

zu spielen"

1 §.

Mit dem großen Violon geht es, wie mit der Bratsche. Er wird ebenfalls von vielen, nicht in dem Werthe und von der Nothwendigkeit gehalten, welche er doch, wenn er anders gut gespielet wird, in einer großen Musik verdienet. Es kann seyn, daß die meisten, welche zu diesem Instrumente gebrauchet werden, vielleicht nicht das gehörige Talent haben, sich auf andern Instrumenten, die sowohl Fertigkeitals Geschmack erfordern, hervor zu thun. Indeßen bleibt es doch eine ausgemachte Sache, das der Contraviolonist, sollte er auch den feinen Geschmack des Spielens nicht so gar nöthig haben, dennoch die Harmonie verstehen, und kein schlechter Musikus seyn muß. Denn er ist nebst dem Violoncellisten gleichsam das Gleichgewicht, um das Zeitmaß, in einer großen Musik, besonders in einem Orchester, wo einer den andern nicht allezeit sehen, noch recht hören kann, zu erhalten.

2.§.

Hierzu wird eine besondere Deutlichkeit im Spielen erfordert; welche aber die wenigsten auf diesem Instrumente besitzen. Vieles kömmt dabei auf ein gutes Instrument an; Vieles aber auch auf den Spieler. Ist das Instrument allzugroß, oder allzustark bezogen; so klingt es undeutlich, und ist dem Gehöre nicht vernehmlich. Weis der Spieler mit dem Bogenstriche nicht so, wie es das Instrument erfordert, umzugehen; so bleibt derselbe Fehler.

3.§.

Das Instrument an sich thut bessere Wirkung, wenn es von mittelmäßiger Größe, auch nicht mit fünf, sondern nur mit vier Seyten bezogen ist. Denn die fünftge Seyte müßte, wenn sie mit den andern in rechtem Verhalte stehen sollte, schwächer als die vierte seyn; und würde folglich einen viel dünnern Ton, als die andern von sich geben. Solches würde aber nicht nur bey diesem Instrumente schädlich seyn; sondern auch auf dem Violoncell und der Violine, im Fall man solche mit fünf Seyten beziehen wollte. Der sogenannte deutsche Violon von fünf bis sechs Seyten, ist also mit Recht abgeschafft worden. Sind bey einer Musik zweene Contraviolone nöthig, so kann der zweyte etwas größer als der erste seyn: und was demselben an der Deutlichkeit abgeht, ersetzet er alsdann an der Gravität.

4.§.

Eine große Hinderung an der Deutlichkeit machet es, wenn auf dem Griffbrette keine Bände sind. Einige halten zwar dieses für einen Überfluß, und wohl gar für schädlich. Allein, diese falsche Meynung wird durch soviele geschickte Leute, welche mit den Bänden alles nur mögliche auf diesem Instrumente rein und deutlich heraus bringen, sattsam widerleget.

Die unumgängliche Nothwendigkeit, daß auf diesem Instrumente, wenn es anders deutlich klingen soll, Bände seyn müßen, ist ganz leicht zu erweisen. Man weis, daß eine kurze und dünne Seyte, wenn sie straff gespannet ist, die Vibration, oder den Schwung viel schneller und enger machet, als eine lange und dicke Seyte. Drücket man nun eine lange und dicke Seyte, die nicht so straff als eine kurze gespannet werden kann, auf das Griffbret; so schlägt die Seyte, weil ihre Zitterung einen weitern Umfang einnimmt, unterwärts auf das Holz. Dieses hemmet nun nicht allein die Vibration; sondern verursachet auch noch über dieses, daß die Seyte nachsinget, und noch einen Nebenton hören läßt, und also der Ton dumpfich und undeutlich wird. Die Seyten liegen zwar vermöge des Steges und Sattels, auf dem Violon schon höher als auf dem Violoncell; allein dieses ist alsdenn, wenn die Seyten mit den Fingern niedergedrücket werden, noch nicht hinlänglich.

Sind aber Bände auf dem Griffbrette; so wird diese Hinderniß behoben. Die Seyten werden alsdenn, durch das Band, mehr in die Höhe gehalten, undkönnen also ihre Vibration ungehindert machen, und folglich, den natürlichen Ton, der im Instrumente liegt, von sich geben. Die Bände geben auch noch diesen Vortheil, daß man die Töne reiner als ohne dieselben greifen kann; und daß die Töne, bey welchen man um sie anzugeben, die Finger aufsetzen muß, mit den bloßen Seyten im Klange mehr Ähnlichkeit behalten. Wollte man hierwider einwenden, daß die Bände wegen der Subsemitone, die man alsdenn nicht unterscheiden könnte, hinderlich wären, so dienst zur Antwort, daß solches auf dem Contraviolon nicht so schädlich als auf dem Violoncell ist; weil man den Unterschied, si sich zwischen denen mit Kreuz oder b bezeichneten Tönen befindet, in der äußersten Tiefe, nicht so, wie bey den hohen Tönen auf anderen Instrumenten, bemerket.

5.§.

Der Bogenstrich muß auf diesem Instrumente ohngefähr gegen sechs Finger breit vom Stege abwärts, und sehr kurz geführet, und wenn es die Zeit leidet von der Seyte abgesetzet werden: damit die langen und dicken Seyten ihren gehörigen Schwung machen können. Er muß auch mehrentheils mit dem untersten Theile, bis in die Mitte des Bogens, und mit einem Rucke gemachet, nicht aber hin und her gesäget werden: ausgenommen in ganz traurigen Stücken; allwo der Bogen zwar kurz, doch aber nicht mit solcher Hastigkeit gebrauchet wird. Die Spitze des Bogens thut überhaupt, außer dem Piano, wenig Wirkung.

Wenn eine Note besonders markieret werden soll; muß solches mit dem Bogen rückwärts, von der linken zur rechten Hand geschehen; weil der Bogen alsdenn, um einen Nachdruck zu geben, mehr Kraft hat. Doch will ich die oben gedachten kurzen Bogenstriche, welche wegen der Deutlichkeit des Tones erfordert werden, nur bey Noten, welche Kraft und Lebhaftigkeit erfordern, verstanden wißen.

Ich nehme aber hievon aus: die langen Noten, als halbe und ganze Takte, welche öfters in geschwinden Stücken mit untermischet werden; es mag ein Hauptsatz oder solche Noten seyn, welche einen besondern Nachdruck verlangen;ferner die geschleiften Noten, die entweder einen schmeichelnden oder einen traurigen Affect ausdrücken sollen; und welche der Contraviolonist ebenso unterhalten und gelaßen, als der Violoncellist , ausdrücken muß.

§.6.

Der Violonist muß sich einer guten und bequemen Applikatur, oder Uebersetzung der Finger befleißigen; damit er das, was in die Höhe gesetzet ist, so, wie der Violoncellist mitspielen kann, um die melodischen Bäße nicht zu verstümmeln; besonders den Unison , als welcher in eben der Lage, als wie er gesetzet ist, auf einem jeden Instrumente, und folglich auch auf dem Contraviolon, gespielet werden muß. ... Sollte ein dergleichen Baß etwa höher gesetzt seyn, als der Violoniost mit seinem Instrumente kommen könnte; wiewohl er schwerlich bis über das eingestrichene G gehen wird, welches doch einige brave Violonisten rein und deutlich angeben und brauchen können: so muß der Violonist in solchem Falle, lieber die ganze Stelle überhaupt eine Octave tiefer spielen, als die Melodie auf eine ungeschickte Art zertrennen.

§.7.

Wenn in einem Baße solche Passagien vorkämen, die der Violonist, wegen großer Geschwindigkeit, deutlich zu spielen nicht im Stande wäre; so kann er von einer jeden Figur, sie mag zwey oder dreymal geschwänzet seyn, die erste, dritte, oder letzte Note spielen. Er muß sich nur allezeit nach den Hauptnoten, so eine Baßmelodie ausmachen, zu richten suchen. ... Außer dergleichen, in großer Geschwindigkeit nicht einem jeden bequemen Passagien aber, ist der Violonist verbunden alles mitzuspielen. Wollte er von vier auf einerley Toone vorkommenden Achttheilen, wie einige zuweilen thun, zumal wenn sie ein Stück accompagnieren müßen, das sie nicht selbst gesetzet haben, immer das erste anschlagen, und drey vorbey gehen lassen; so weis ich nicht wie er der Nachrede einer Faulheit oder Tücke entgehen könnte.

§.8.

Ueberhaupt muß der Vortrag des Kontraviolonisten ernsthafter seyn, als der übrigen Bäße ihrer. Die kleinen feinen Auszierungen werden zwar von ihm nicht gefordert: dagegen aber muß er sich beständig bemühen, dem, was die andern spielen, einen Nachdruck und Gewicht zu geben. Er muß das Piano und Forte zu rechter Zeit ausdrücken; das Zeitmaß genau beobachten; weder eilen, noch zögern; seine Noten fest sicher und deutlich vortragen;sich vor dem Kratzen des Bogens in Acht nehmen, welches absonderlich bey diesem Instrumente ein häßlicher Uebelstand ist; und wenn er höret, das bald ernsthaft, bald scherzhaft, bald schmeichelnd, bald traurig, bald lustig oder frech, und wie es auch seyn mag, gespielet wird, muß er allzeit auch das Seinige mit beyzutragen bemühet seyn, nicht aber aus Kaltsinnigkeit, diejenigen Wirkungen, welche man im ganzen hervorzubringen suchet, verhindern. Aallezeit, absonderlich aber in Concerten, muß er richtig pausieren, damit er, wenn ide Ritornelle eintreten, zu gehöriger Zeit mit dem Forte mit Nachdruck einfallen könne; und nicht, wie einige thun, erst einige Noten vorbey gehen laße. Was übrigens in diesem ganzen Hauptstücke, so wohl insbesondere als überhaupt abgehandelt wird, davon kann er sich noch Vieles, welches hier zu wiederholen der Raum nicht leidet, zu Nutzen machen.