Willkür im Instrumentenbau besonders im Bau des Kontrabasses


Von G u st a v L a s k a (gest. 16. 10. 1928) (Mitgeteilt von Job. Jaschke' Wien)

In der ganzen Welt setzt das gesunde Zusammenleben und Zusammenwirken in allen Gesellschaftsschichten eine feste Basis, eine geregelte Ordnung voraus. So ist's im sozialen Leben; so sollte es auch in künstlerischen Dingen sein. Leider entspricht diesen Voraussetzungen die Wirklichkeit nicht immer. Auch hier spielt die Willkür eine nicht unbedeutende Rolle, sogar bezüglich der äußeren Erscheinung der Dinge.

Die größte Merkwürdigkeit in all den sonderbaren Unebenheiten und Eigentnächtigkeiteii bilden die Instrumente der Musiker, die in den verschiedenen Größenverhältnissen gebaut werden. Am meisten werden von der Unstimmigkeit die Streichinstrumente (Geigen, Bratschen, Violoncelle, Bässe) betroffen.

Wenn der Bau genannter Instrumente nicht immer ein einheitlicher ist, wenn hier schon kleinere und größere Mensurverschiedenheiten hervortreten, so ist die Differenz bei den Kontrabässen in eklatantester Weise vorhanden. Man kann sagen, daß es kein zweites Instrument gibt, welches so verschiedenartig gebaut wird wie der Kontrabaß. Ich behaupte, daß unter der Masse von Kontrabässen keine zwei sich an Größe, Weite, Stärke, Breite usw. genau gleichen, daß sie so egal gebaut sind, daß sie zum Verwechseln ähnlich aussehen.

Jeder Musiker weiß es zu schätzen und zu würdigen, wenn er ein gut spielbares Instrument besitzt, das allen Anforderungen genügt. Wie quellen ihm die Kantilenen und das Passagewerk glatt und schön unter Bogen und Fingern hervor! Wie fühlt er sich beim Spiel! Das Gegenteil trifft den armen Kontrabassisten, der bei bester Absicht und vorhandener Künstlerschaft mit seinen Part nicht reüssieren kann, weil das Instrument, das ihm zur Verfügung gestellt wird, kaum einer der primärsten Anforderungen genügt. Man fragt sich.: Warum nimmt der Herr nicht immer sein eigenes Instrument mit, auf dem er zu spielen gewöhnt ist? Ja, wenn der Transport nicht so schwierig, für den Baß so gefährlich und kostspielig wäre!

In allen guten Orchestern steht dem Spieler ein Kontrabaß zur Verfügung. Das klingt alles schön und gut; man akzeptiert das Angebot mit größtem Vergnügen, schon deswegen, weil man sein eigenes und Iiebgewordenes Instrument vor Schäden beim Transport bewahren will. Aber wie peinlich wirkt der Unterschied zwischen all den Instrumenten, die zur Verfügung stehen!

Ich werde z. B. ersucht, bei der Kirchenmusik mitzuwirken. Eine Mozartsche Messe liegt auf. Wer die Mozartsche Musik kennt, weiß, was der Meister gerade von den Kontrabässen verlangt. Ich schaue mir den zur Verfügung gestellten Baß, ein rohes Monstrum, an. Die Lagen sind anders, die Griffsaiten nicht minder, der Hals ist dicker, die Saiten liegen breiter auseinander und sind viel stärker; der Bogen scheint aus dem 12. Jahrhundert zu stammen, er ist wie eine Säge geformt! Unter normalen Verhältnissen würde es dem Musiker ein wirkliches Vergnügen bereiten, auf einem gutgebauten Instrumente die schöne Messe zu spielen! Durch den miserablen ‚ schlecht spielbaren Baß wird aber das Spiel zur Qual, zur Folter! Heilige Cäzilie hilf, daß die Intonation einigermaßen gut ausfällt!

Am nächstfolgenden Tag ist eine Kammermusikvorführung. Das sogenannte Forellenquintett von Schubert, das Klavierquintett von Hermann Götz und das Septett von Beethoven steht auf dein Programm. Auch hier wird in der Einladung besonders betont: Ein "guter" Kontrabaß steht zur Verfügung. Allein was ist wieder für ein Unterschied zwischen diesem und dem Kirchenbasse! Wieder die Lagen ganz anders, die Größenverhältnisse viel kolossaler, die Griffe weiter und anstrengender! Der Bogen ist viel zu kurz, die Haare desselben schwarz, also rauh (schwarze Haare spielen sich immer rauh), jede Elastizität fehlt. Die Kammermusik, das Ideal eines wirklichen Musikers, bei der jeder Ton mit seinem verborgenen Zauber klar kommen muß, wo das Miterleben und Schaffen aus dem eigenen Innern heraus gebieterische Notwendigkeit wird, -und dafür gänzlich unzulängliche Mittel des Ausdrucks! Abermals wird die Freude des Mitwirkens an Meisterwerken der Tonkunst vergällt; man ärgert sich über die schlechte Mensur, über die entsetzlichen Lagen der Saiten und über den krassen Bogen. Hier kann selbst die heilige Cäzilie nicht helfen.

Im Theater gibt man die "Walküre". Brauche ich zu sagen, wie wunderbar Wagner in allen seinen Werken den Kontrabaß behandelt hat? Die Klangfarbe der Motive, wenn die Bässe allein spielen, ist eine ganz eigenartige! Wenn der Meister etwas Hochdramatisches ausdrücken oder einleiten will, benützt er größtenteils den Kontrabaß mit Violoncellen. Auch in anderen Bühnenwerken, wie in Verdis "Othello", "Rigoletto", usw. sind die Kontrabaßsoli von wunderbarer, charakteristischer Wirkung. Wie gern würde man seine ganze Seele ins Spiel legen, wenn es nicht wieder das Instrument wäre, das den besten Vorsätzen mit seiner Bauart widerstrebt! Der mir zur Verfügung stehende Kontrabalss ist ein ganz anderer als seine Vorgänger in der Kirche und bei der Kammermusik: ein sehr kleines Format, die Lagen eng, die Saiten viel zu dick im Verhältnisse zu dem zarten Instrumente. Der Bogen, den ich mir selbst mitbrachte, ist das Einzige, auf das ich vertraue, mit dem ich mich wohlfühlen kann.

Und in dieser Weise ergeht es einem in fast jeder Stadt, in allen Ländern und Erdteilen! Überall ist der Kontrabaß anders gebaut, weist andere Breiten und andere Spielweise auf. Nirgends eine gleichmäßige Bauart. Der Schlendrian wächst sich ins Ungeheuerliche aus! Jedes Instrument erweist sich als eine Willkür seines Erbauers. Der Verfertiger konstruiert es nach seiner Idee und überläßt das Abfinden mit den harrenden Schwierigkeiten dem Kontrabaßspieler. Wie die Lösungen der vielen Rätsel ausfallen, danach fragt niemand. Der arme Kontrabassist aber steht mit seinem Part schon vor so vielen, schweren Aufgaben, die er als ernster Musiker gewissenhaft, sauber und rein durchführen möchte.

Die wenigsten Dirigenten haben davon eine annähernd richtige Vorstellung. Sie hören und kritisieren nur den Klang, die Intonation und den Vortrag, bedenken aber nie, daß es nahezu unmöglich wird, den sonderbarsten Größen, den widerlichsten Gestaltungen und Formaten der Kontrabässe sich augenblicklich anzupassen. Leider werden, und zwar häufig genug, wenig kollegiale Bemerkungen gemacht. Einmal erklärte ein Kapellmeister: "Die erste und die letzte Note der Passage hört man, alle anderen sind verwischt." Diese sonderbare Kritik trifft an sich nicht zu, denn die Spieler haben sehr viel gelernt: Die Schulen und Etüden für den Kontrabaß zeigen eine solche Höhe virtuoser und technischer Entwicklung, daß derjenige, der sie gründlich studiert hat, alle Schwierigkeiten leicht überwinden kann und muß. Wenn nicht alle Töne klar und deutlich herauskommen, dann liegt die Schuld nur am Instrumente.

An sämtliche lnstrumentenmacher richte ich das Ersuchen, sich einem und demselben Gesetze zu fügen, damit alle Kontrabässe eine und dieselbe Größe und Mensur bekommen. Es muß sich ein einheitliches System in der Bauart bilden. An den alten, jetzt vorhandenen Instrumenten läßt sich schwer eine Umarbeitung vornehmen ; aber alle neuen Instrumente, welche gebaut oder in Angriff genommen werden, mögen die gleichen Größenverhältnisse aufweisen. Die Herren Instrumentenmacher können sich einigen, d.h. ein und dasselbe Mass usw. annehmen und sich auch für eine bestimmte, streng einzuhaltende Form entschließen. Es wäre dies eine grolle Wohltat; alle Kontrabassisten würden den Herren Instrumentenbauern nicht nur dankbar sein, sondern sie würden auch frei aufatmen, da sie nunmehr endlich aus diesem großen Schlendrian herauskommen.

Die geeignetste Größe für die neu zu bauenden Kontrabässe wäre das sogenannte Mittelformat; denn dieses würde allen Kontrabassisten angenehm sein, mögen sie nun groß oder klein von Gestalt sein. Die Länge des Stachels regelt die bequeme Handlichkeit in jedem Einzelfalle. Sollte man einwenden, daß das Mittelformat nicht solch einen großen Ton entfalten würde, wie die großen Bässe, dann antworte ich, daß mein Instrument, welches dieses besagte Mittelformat besitzt, bis jetzt am kräftigsten unter sämtlichen Kontrabässen geklungen hat, gleichviel ob ich dasselbe als Solo- oder als Orchester-Instrument benutzt habe. Ferner klingen die von mir gebrauchten dünnen Saiten, die zudem viel weniger Anstrengung voraussetzen, viel deutlicher und kräftiger als die dicken. Nur eine dünne Saite vibriert, und nur durch die Vibration gibt sie bekanntlich einen schönen Ton, sie trägt denselben auch weit.

Die großen Kontrabässe werden ihrer Breite wegen immer schief gehalten, und dadurch streicht man mit dem Bogen unbewußt auch schief. Solch ein schiefes Streichen erzeugt keinen runden und vollen, sondern nur einen klößigen und unschönen Ton. Beim Pizzicato wie Coll'arco läßt man häufig die leeren Saiten lange nachklingen, was einen sehr unmusikalischen Eindruck macht, denn dieser lang nachklingende Ton summt möglicherweise in eine fremde Harmonie hinein, in die er eben nicht gehört. Es ist am besten, ein schönes Mittelformat ins Auge zu fassen und nach der jetzt hier folgenden Berechnung die Kontrabässe zu bauen. Ich bitte daher nochmals alle Herrn Instrumentenmacher um ein einheitliches Vorgehen. Wenn eine Anzahl der bedeutendsten sich über die Größe einigt, andere aber bei ihren alten Größen oder, besser gesagt, bei ihrer Willkür bleiben, dann ist wieder nichts erreicht, dann hat der arme Spieler vom neuen mit all den argen Schwierigkeiten und Widerlichkeiten zu kämpfen.

Die Größe des Kontrabasses im Mittelformat:
  • Länge der Decke bis zum Halse 107 cm,
  • Länge des Bodens vom Hals 106 cm 1 mm,
  • Halslänge vom Sattel bis zur Decke 45 cm,
  • Mittelbügellange 22,9 cm, Zargenhöhe oben 21,3 cm, unten 21,4 cm, beim Hals 17,9;
  • Oberdecke oben 40 cm Breite, unten 64 cm Breite;
  • Griffbrettlänge 85 cm,
  • Schneckenlänge vom Sattel 31 cm,
  • Breite des Griffbrettes unten ohne Wölbung 10,2 cm, mit Wölbung 12cm;
  • Breite des Griffbrettes oben mit Wölbung 4,2 cm:
  • Lange des Saitenhalters 33,6 cm;
  • Höhe des Steges in der Mitte 14cm, in der Breite unten 14 cm, in der Breite oben 10,2 cm;
  • Seitenweite am Stege 2,4 oder 2,5 cm bis 2,6 cm.
  • Ganze Länge (Des Basses vom oberen Sattel bis ans Ende 152 cm.

Vom Halse zum Körper muß der Bau (die Zargen) "geschweift" sein, nicht "gerade", wie bei den italienischen Instrumenten, sonst kann man sehr schwer in die Aussenlagen und zum Daumenaufsatz kommen.

Auch die Sordinen möge man von einer Größe herstellen, nicht so entsetzlich große Frösche, die beim Aufsetzen und namentlich beim Abnehmen Lärm verursachen.

Was die fünfsaitigen Bässe anbelangt, so bin ich ein entschiedener Gegner derselben. Alle Herrn, welche sie bevorzugen, fast alle Kapellmeister denken nur an die tiefen Töne, welche dem viersaitigem Basse fehlen, nicht aber an die immensen Schwierigkeiten, die mit dem Spielen des fünfsaitigen Basses verbunden sind. Ich habe noch keinen Kontrabassisten gefunden, der mir sagte, er spiele mit Vorliebe auf dem fünfsaitigen Ungetüm. Immer klagen die dazu Verurteilten über das breite Griffbrett und über das Riesenausstrecken der linken Hand, um die C-Saite fest und gut fassen zu können. Wie das anstrengt und ermüdet, davon haben gewöhnliche Sterbliche keinen Begriff! Auch können die drei Mittelsaiten und zwar D, A und E nicht kraftvoll gestrichen werden aus Vorsicht, um nicht die Nachbarsaiten mit anzustreichen. Alle Passagen auf dem "Dickhals" sind schwer auszuführen.

Auf dem viersaitigen Kontrabasse können alle die fehlenden tiefen Töne ermöglicht werden, indem man die E-Seite erforderlichenfalls herunterstimmt. Das Herunter-und Hinaufstimmen geschieht lautlos und verlangt nur eine kleine Vorübung (Vgl. meine "Kontrabaßschule", Verlag Breitkopf & Härtel). Noch über den Bogen einige Worte. Der Baßbogen war früher von sehr kurzer Form, für lange Bindungen und langausgehaltene Töne ganz ungeeignet. Vor vielen Jahren faßte ich die Idee, mir einen Kontrabaßbogen so lang bauen zu lassen wie einen Geigenbogen. Diese meine Idee hat seither solchen Anklang gefunden, daß ihre zahlreiche Nachahmung für den praktischen Vorteil zur Genüge spricht. Ob ich es noch erlebe, daß mein jetziger Vorschlag, eine Einheitlichkeit im Bau des Kontrabasses zu erzielen, wirklich in Erfüllung geht?

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