Der "Basso" bei Mozart


Für mich als Bassisten, der immer auf der Suche nach neuer Kammermusikliteratur ist, stellt natürlich die Musik der grössten Komponisten auch den grössten Reiz dar. Insbesondere in der Divertimento- und Serenadenliteratur von Mozart und Haydn ist der "Basso" das Instrument der Wahl. Nun ist Basso ein Wort, das, obwohl es so klingt nicht in jedem Fall einen Kontrabass bezeichnet. Basso ist eigentlich kein Instrument, sondern eine Stimme. Deren Besetzung ist oft variabel, und sollte auch so gehandhabt werden.

In der Serenadenliteratur der Klassik bezeichnet Basso, wenn das Werk nicht ohnehin chorisch besetzt war, in den meisten Fällen einen Kontrabass, eventuell unter Hinzuziehung eines Fagottes. Das Cello war eher selten vertreten.

Ziemlich eindeutig ist auch der Unterschied der Faktur einer "Basso" Stimme und einer Violoncello Kammermusik-Stimme. Eine Basso Stimme scheint viel mehr verwandt zu sein mit einem Volksmusik-Bass, als mit einem Streichquartett- Bass. Die klangliche Idee ist meiner Meinung nach wie in der Generalbasszeit, dass die Oberstimmen über einer Bassstimme spielen, und weniger, dass sie mit Ihr verschmelzen. Hat man es einmal geschafft von diesem Verschmelzungsideal wegzukommen, wird man sehr schnell merken, das ein vom Kontrabass gespielter Basso, in der Hand des richtigen Spielers eine ganz andere rhytmisch perkussive Energie entfalten kann als ein Cello-Bass.

Zum Glück kommt es mittlerweile häufiger vor, dass eine Serenade mit Kontrasbass als Basso gespielt wird. Auch die stärksten Vorurteile geraten irgendwann unter dem Druck der Wahrheit ins wanken: so hatte ich vor einiger Zeit die Gelegenheit mit dem Tonhalle Orchester unter Leitung von Frans Brüggen die Haffner Serenade zu spielen. Besetzt waren 4 Bässe, 2 Fagotte und 0 Celli. Unser Solocellist, der sich das Konzert angehört hatte sagte mir hinterher, er habe nichts vermisst. Und so war es auch.

Alfred Planiawsky hat sich in seiner "Geschichte des Kontrabasspiels", ausgiebig mit dem Kontrabass in Mozarts Salzburger Zeit beschäftigt. Ich möchte seine Untersuchungen hier zum Nutzen interessierter BassistInnen zusammenfassen:

Planiawsky diskutiert in seinen Ausführungen zwei früher zum Thema erschienene Arbeiten, die zu diametral entgegengesezten Schlüssen gelangen. Der erste Beitrag, geschrieben von einem Herrn Hugo Daffner erschien 1906 . Daffner gibt zu bedenken, dass Mozart bei einigen Divertimenti die Anzahl der Instrumente im Titel nannte, was die doppelte Bestzung der Bassstimme auszuschliessen scheint. Der Schluss, den er daraus zieht ist allerdings alles andere als zwingend, dass nämlich diese Stimme nur mit Violoncello zu besetzen sei. Herrn Daffner ging es offensichtlich gar nicht um die Frage, was sich noch zur Mozartzeit in den Serenaden und Divertimenti unter der Bezeichnung Basso verbarg, sondern darum, dem Zeitgeschmack folgend den Kontrabass aus dieser Musik zu beseitigen. So forderte er selbst in der Serenata Notturna, wo der Kontrabass im Soloquartett ausdrücklich vorgeschrieben ist die vierte Stimme "nicht wieder mit einem Kontrabass zu besetzen".

Über fünfzig Jahre später entstand der zweite Text auf den sich Planiawsky bezieht. Der Schweizer Carl Bär ging in seinem Beitrag "Zum Begriff des "Basso" in Mozarts Serenaden erstmals ausgiebig auf den historischen Hintergrund der Bassopraxis bei Mozart ein und kam dabei zu folgendem Schluss: "Damit ist die instrumentale Definition des Basso im üblichen Sinne erschüttert, und es wird sich zeigen, das für zahlreiche Fälle eine neue Interpretation des Bassobegriffes zu suchen ist. Wenn man alle Quellen überblickt, die zu diesem Fragenkomplex etwas aussagen können, so sprechen gewichtige Grtünde dafür, dass Mozart gerade bei der Serenade ganz allgemein auf das Violoncello verzichtet und sich - wenigstens von der Streicherseite her - des Kontrabasses als alleinigen Bassinstrumentes bedient. So gesehen gelangt man zu einem Streichkörper, der sich aus zwei Violinen, Viola und Kontrabass zusammensetzt, und den man als Serenadenquartett bezeichnen kann."

Bär führt nach Planiawskys Dastellung verschiedene Belege für seine Theorie zur Besetzung des "Serenadenquartetts" an:

Zur Untermauerung seiner These von der Beteiligung des Kontrabasses im Serenadenquartett verweist Bär auf einen Faktor, der in der gewöhnlichen Diskussion musikalischer Aspekte untergeht. Im besonderen wird dabei auf die "demokratische Spielweise" im Sitzen hingewiesen, die für die Salzburger Verhältnisse noch nicht in Anspruch genommen werden konnte. ...  Ein Cello im Stehen zu spielen, wird wohl einige Probleme aufwerfen. Darum wurde die "Kniegeige" zu allen Zeiten gegen Lageveränderungen gestützt, entweder mit den Beinen oder, bei Armhaltung, durch einen Tragegurt. Ein maßgerechter Stachel hätte "nach der Größe des Spielers zwischen 30 und 60 cm betragen müssen". Ganz im Gegensatz zum Kontrabaß bietet der schmächtige Cellokörper "einen ungenügenden Trägheitswiderstand" (Bär). Die im Schrifttum gelegentlich vorgebrachten Einwände gegen den großen Abstand zur Oberstimme bei Verwendung eines einzelnen Kontrabasses weist Bär damit zurück, daß sie damals nicht als Nachteil empfunden worden seien. Ausbaumöglichkeiten für das "Serenadenquartett" sieht Bär in den Divertimenti KV 205, 246, 287 und 522 gegeben, die für dieselbe Besetzung konzipiert sind. ...

.... Eine wichtige Quelle zur Begründung der Serenadenbesetzung mit einem einzelnen Kontrabaß als Fundament finden wir in den Briefen der Familie Mozart. Vater Mozart berichtete seinem in Paris weilenden Sohn am 13. April 1778 über die Aufführung der "zweiten Lodronschen Nachtmusik": ". . . ich spielte das 2te Violin, der Kolbstudent die Viola, der Cassl den Baß . . ." Bei "Cassl" handelt es sich um den bereits erwähnten Joseph Thomas Cassel, den Schiedenhofers Tagebuch als "Violonegeyger" und Flötisten ausweist, ein Faktotum, das offenbar immer greifbar und vielseitig einsetzbar, wenn auch kaum einer Spitzenleistung fähig war (s. Anm. 228). Ins Mozartschrifttum kommt er als Kontrabassist wie Pontius ins Credo. Wie die meisten Hofmusiker betätigte sich auch Cassel als Spieler mehrerer Instrumente. .... Cassels Tätigkeit als "Bassist" in der von Vater Mozart erwähnten Nachtmusik belegt neuerlich, daß "Baß" auch in der Kammermusik "Kontrabaß" bedeuten konnte. ..... Bär sieht in der hier geschilderten Aufführung den "Prototyp für eine Nachtmusik in der Besetzung für Streichquartett und zwei Hörner", womit auch die autographe Überschrift "a 6 stromenti" (KV 247 und 287) zu erklären sei.

Ein wesentlicher Punkt, der für Planiavsky die Stellung des Kontrabasses am Salzburger Hof unterstreicht sind die Besetzungslisten der Salzburger Hofmusiker. Er vergleicht Hier die Besetzungen der Bassinstrumente in den Jahren zwischen 1769 und 1780, in denen die meisten Serenaden Mozarts entstanden sind, sowie die weitere Entwicklung der Situation bis 1797.

Jahr Cellisten Violonisten Fagottisten
1769 1 2 2
1770 1 3 2
1771 1 3 2
1772 1 3 2
1773 1 3 2
1774 1 4 2
1775 0 3 2
1776 0 3 2
1777 1 3 2
1778 1 3 2
1779 2 4 2
1780 2 4 2
1790 1 5 k.A.
1792-97 0 3 k.A.

Wenn die Besetzung der Hofkapelle auch keinen eindeutigen Aufschluss darüber gibt, welche Musiker darüber hinaus noch am Salzburger Musikleben teilnahmen, so ist doch nicht zu leugnen, dass das konstante Übergewicht der Kontrabässe einen Grund in der Musikpraxis dieser Zeit gehabt haben muss.

"Bär sieht darum das traditionelle Klangbild dieser Praxis durch den Sechzehnfußbaß geprägt, und "so war es für den zeitgenössischen Zuhörer nicht auffallend, wenn bei den Serenaden überhaupt kein Cello anwesend war".

Abschließend stellte C. Bär in seinem Basso-Artikel (S. 153) fest: "Mozart hat sich für die Serenaden im Anschluß an eine teststehende Tradition eines sogenannten Serenadenquartettes bedient. Dasselbe besteht unter Verzicht auf das Violoncello aus zwei Violinen, Viola und Kontrabaß. Bei den Divertimenti und allen sich als solistisch besetzt nachweisbaren Werken ist der Kontrabaß das alleinige Baßinstrument. Also: Basso = Kontrabaß. Bei den Orchesterserenaden ist in der Regel die Mitwirkung des Fagottes anzunehmen: Basso = Kontrabaß und Fagott. "


Frank Sanderell 1/2002

 

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