Darmsaiten auf dem "modernen" Kontrabass


 

 

von Frank Sanderell

Wer, wie ich und viele andere Bassisten den Klang alter italienischer und englischer Instrumente liebt, wird immer wieder mit dem Problem konfrontiert, dass diese Bässe, die vielfach als Dreisaiter gebaut wurden durch die Spannung von vier Stahlsaiten klanglich über Gebühr zu leiden haben. Das Problem verstärkt sich noch, wenn man versucht einen solchen Bass als Fünfsaiter zu spielen. Ausserdem hat man manchmal Schwierigkeiten mit der Klarheit der Artikulation, da der extrem dunkle und weiche Klang solcher Instrumente zum Verschwimmen tendiert. Zusätzlich gibt es häufig erhebliche Anspracheprobleme, gerade auf der E-Saite bei Fünfsaitern.

Die E-Saite eines Fünfsaiters war es auch, auf die ich zum ersten Mal eine Darmsaite - eine Pirastro Eudoxa Medium - aufgezogen habe. Nachdem ich zuerst überglücklich über die augenblickliche Verbesserung der Anspracheeigenschaften war, kam bald die Ernüchterung, weil der Sound mir weniger fett schien als mit meinen schweren Stahlsaiten (Pirastro Originals) und ich den Eindruck hatte, dass meine, manchmal etwas ruppige, Spieltechnik nicht besonders gut auf diese Saiten wirkte.

Ich experimentierte mit anderen Darmsaiten (Pirastro Oliv), die jedoch für meinen Geschmack zu dick waren um sie gemeinsam mit Stahlsaiten zu verwenden und sich durch ihren sehr starken Darmkern bei Änderungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit extrem verstimmten. Auch verschiedene andere Stahlsaiten und Kunststoffsaiten habe ich ausprobiert: Corelli (verschiedene), Tomastik Spirocore, Tomastik Dominant, Jargar, Pirastro Originals, 91er, 92er in verschiedenen Stärken. Das ganze in fast jeder möglichen Kombination - nichts brachte eine langfristig zufriedenstellende Lösung.

Schliesslich kam die Firma D'Addario mit den Helicore-Saiten auf den Markt. Hier glaubten viele Leute - auch ich - die Lösung für die meisten Probleme gefunden zu haben. In der Tat verbessern diese Saiten viel am Anspracheverhalten der Bässe, ohne ganz soviel an Grundtönigkeit zu verlieren, wie etwa Corelli Saiten. Aber, je tiefer desto mehr kam meine alte Vorliebe für Darmsaiten wieder auf. Es begann wieder mit einer Eudoxa E-Saite und pflanzte sich weiter und weiter fort, bis nur noch die G-Saite aus Stahl war.

Ich glaube heute, das es sich lohnt die Spieltechnik den Anforderungen der Saiten anzupassen. Darmsaiten benötigen eine sehr gute Balance zwischen Gewicht und Kontaktstelle und reagieren sehr empfindlich auf Druck. Im Grunde fordert eine Darmbesaitung vom Spieler eine Bogentechnik, die dem Ideal entspricht. Ich denke eine Darmbesaitung kann helfen gewisse Spielschäden zu vermeiden. Wichtig ist möglichst viele Darmsaiten zu verwenden, wenn das Instrument voll und ausgewogen - ohne zu viele klangliche Brüche zwischen den Saiten - klingen soll. Ausserdem erleichtert es die Umstellung der Spieltechnik, die für viele Leute unumgänglich ist. Das Instrument gewinnt im Laufe der Zeit an Offenheit und Leichtigkeit der Ansprache, der obertönigere Klang macht das artikulierte Spiel leichter. Körperlich -schätze ich- kann man sich das Leben mit Darmsaiten auch sehr erleichtern, da sie weniger stark gespannt sind als Stahlseiten und am Ohr selbst im dicksten Orchestergetümmel noch einigermassen deutlich zu höhren sind. Die Verbesserung der Klangeigenschaften durch Darmbesaitung gerade auf Fünfsaitern hat auch einige meiner Orchesterkollegen bereits überzeugt. Und ich denke, es werden noch weitere folgen.

Auf dem von mir gespielten Fünfsaiter im Tonhalle Orchester von Giuseppe Rocca, Turino um 1850 benutze ich:

  • G: Pirastro Eudoxa Medium oder bei Bedarf D'Addario Helicore Medium
  • D: Pirastro Eudoxa Medium
  • A: Pirastro Eudoxa Medium
  • E: Pirastro Eudoxa Stark
  • C: Pirastro Eudoxa H-Saite medium

Zusammenfassend würde ich in den meisten Fällen empfehlen, gerade bei den 3 tiefsten Saiten einmal über die Benutzung von Eudoxa Darmsaiten nachzudenken. Dabei scheint es mir vor allem auf Fünfsaitern in den meisten Fällen nötig, eine starke E- Saite zu wählen, keine medium. Das hängt aber natürlich von den jewiligen Umständen ab. Ich rede hier nur von Tendenzen, die meiner Erfahrung nach häufig sind.

Der Einsatz der tiefen Saiten ist vom Spielgefühl her eher unproblematisch. Die D- und G-Saiten sind gewöhnungsbedürftiger - auch für die linke Hand. Der Klang wird, immer "darmiger" und für mich zum Beispiel wurden am Anfang die Lagenwechsel zu einem Problem. Ein guter Freund hat mir Hirschtalg empfohlen, damit die Finger besser rutschen. Hab' ich sogar ein paar mal gemacht. Leider schiesst man damit manchmal über das Ziel hinaus. Heute geht es auch ohne.

Nachtrag: Obligato

In der Zwischenzeit, ist der Stahl von meinen Instrumenten endgültig verschwunden. Mit der Obligato Reihe ist es Pirastro gelungen eine Synthetik-Saite zu entwickeln, die für mich in G und D die ideale Ergänzung zu den Darmsaiten darstellt. Zusammen mit den tiefen Eudoxa Saiten hat man ein sehr ausgewogenes Klangbild und das Anspracheverhalten ist vorbildlich. Leider überzeugt mich das Klangvolumen und das Anspracheverhalten bei den tiefen Obligato Saiten nicht, sonst könnten wir eine Menge Geld sparen.

Des weiteren muss ich gestehen, das ich mittlerweile aufgehört habe Fünfsaiter zu spielen und neue Wege erkunde tiefe Töne zu produzieren. Näheres dazu findet ihr hier.


Falls jemand sich für diese Thematik interessiert (ich weiss, dass viele das tun) bin ich jederzeit zu weiteren Auskünften bereit. Ich wäre auch dankbar für weitere Beiträge oder Anregungen in Bezug auf Saiten, die ich noch nicht selbst getestet habe. E- Mail genügt. fsanderell@swissonline.ch